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Die Arbeitsweise Schlaffhorst-Andersen

Als staatlich geprüfte Atem-, Sprech- und Stimmlehrerin bin ich ausgebildet in der Arbeitsweise Schlaffhorst-Andersen. Diese zielt mit einem ganzheitlichen Konzept auf die Förderung oder Wiederherstellung gesunder natürlicher Stimm- und Atemfunktionen.

Sie sieht und nutzt die Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen Körperhaltung und Bewegung, mentaler und emotionaler Verfassung, Atmung, Stimme und Sprechen.

Im Bereich der Stimmtherapie und pädagogischen Stimmarbeit basiert meine Tätigkeit zu einem wesentlichen Teil auf dem Konzept Schlaffhorst-Andersen. Meine über die Jahre darin gewonnenen Erfahrungen und Erkenntnisse haben aber auch Einfluss auf die Art und Weise, wie ich in anderen Bereichen therapeutisch und pädagogisch arbeite.


Das Konzept Schlaffhorst-Andersen ist in der Ausführung keine strikt festgelegte Methode, sondern es geht darum, die ganz persönlichen Ressourcen zu entwickeln und zu stärken. Deshalb finden die Mittel, mit denen gearbeitet wird, bei jeder Person eine individuelle Anwendung.

(1<)                                                                                                                   Im Mittelpunkt des Konzeptes steht die Zwerchfelltätigkeit und die physiologische Dreiteiligkeit des Atemrhythmus.                                        Dieses Prinzip lässt sich weiter auf andere Muskeltätigkeit übertragen: bewusstes Erleben der Pause ermöglicht die Wiederherstellung von Kraft       (= Regeneration) innerhalb des Atemablaufes.

Schlaffhorst und Andersen beschreiben eine differenzierte Verbindung zwischen den Stimm- und Atemfunktionen und den Sprachlauten.                  Die "Lautfunktionsarbeit" beinhaltet neben der Arbeit an der Artikulation (=Aussprache) die Nutzung der Wechselwirkungen zwischen dem Laut und seiner spezifischen Wirkung auf den Organismus.

Zur Wiederherstellung gesunder, natürlicher Organfunktionen haben Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen fünf sogenannte Regenerationswege entdeckt und entwickelt. (Dies sind kreisende Bewegung, schwingende Bewegung, rhythmische Bewegung, Atmen, Tönen.)

Damit streben sie folgende Ziele an:

  • Wiederherstellung des individuell auf Mensch und Lebenssituation abgestimmten dreiteiligen Atem- (und Bewegungs-)rhythmus
  • Hinführung zur costo-abdominalen Atmung, Elastizität der Atemmuskulatur, Ausweitung der Vitalkapazität
  • Verbesserung der Stimmfunktion, Erhöhung der Belastbarkeit
  • Schulung der Wahrnehmung für unterschiedliche Körperfunktionen und ihre Interdependenzen
  • Hinführung zur Selbstverantwortung für die notwendigen Verhaltensänderungen
  • Koordinierung der inneren (Atem-) und der äußeren Bewegung
  • Eutonisierung der gesamten Muskulatur (meint: Ausgleich der durch Stress verursachten Fehlspannungen)
  • damit: Ökonomisierung von Atem-, Stimm- und Bewegungsfunktionen
  • oder: möglichst hohe Leistung bei möglichst geringem Aufwand.         
(>1)



zur Geschichte:

Die Arbeitsweise Schlaffhorst-Andersen ist das Vermächtnis der Sängerin Clara Schlaffhorst (1863 - 1945) und der Pianistin Hedwig Andersen (1866 - 1957).

Im Verlauf ihrer Gesangsausbildung am Konservatorium in Berlin entwickelte Clara Schlaffhorst eine Stimmstörung, die das Ende ihrer Karriere als Sängerin bedeutete. Zur selben Zeit litt Hedwig Andersen an einer Lungenerkrankung. "Eine Konsultation bei dem Arzt Dr. Kafemann in Königsberg ergab den Anlass für ihr späteres Lebenswerk. Er war es, der den Damen den Rat gab, sich mit ihrer Atmung zu beschäftigen und der sie auf das in New York erschienene Buch "The Art of Breathing" von Leo Kofler verwies (...).
Die Vertiefung in diese Arbeit und die Übersetzung des Buches ins Deutsche war der eigentliche Beginn ihrer Arbeit. Das war im Jahre 1897."  (2)

Gertrude Schümann, eine direkte Schülerin von Schlaffhorst und Andersen, sagte hierzu in einem Vortrag: "Zwei Dinge sind hierbei bemerkenswert: einmal, dass an Stelle der medikamentösen Therapie der aktive Einsatz des Patienten, sein Sich-Ändern gefordert wurde, und zum Anderen das Wissen des Arztes um die Tatsache, dass Atem- und Stimmfunktionen eine untrennbare Einheit darstellen."  (3)

Schlaffhorst und Andersen entwickelten die Übungen von Leo Kofler weiter. Insbesondere spürte Clara Schlaffhorst, dass diese Übungen keinesfalls willkürlich und mechanisch gemacht werden durften, sondern die Ausführung im natürlichen Lebensrhythmus geschehen musste.

Zunächst gaben C. Schlaffhorst und H. Andersen in Berlin Atemunterricht in Zusammenarbeit mit dem Gesangspädagogen Prof. Julius Hey.
"Die Erfolge ihrer Arbeit, insbesondere bei der Behandlung von Stimmstörungen und Sprachfehlern, machten die Atemschulung nach Schlaffhorst-Andersen in weiten Kreisen bekannt. 1916 richteten die Damen Schlaffhorst und Andersen in Rotenburg a.d. Fulda in Hessen eine Schule ein und begannen mit der Ausbildung von Atem-, Sprech- und Stimmlehrerinnen. Die Schule wurde unter dem Namen "Rotenburger Atemschule" ein Begriff."  (4)

In dem Buch "Atmung und Stimme" (1928) schreibt Clara Schlaffhorst:
"Unser Ausgangspunkt war die musikalische Kunst. Im Ringen um die Wiederherstellung meiner Stimme sind wir, meine Freundin und ich, auf das Gebiet der Atmung geführt worden.
Im Laufe der Jahre sind wir mit Staunen und wachsender Ehrfurcht gewah
r geworden, dass es hier nicht nur eine rein technische Frage zu lösen galt, sondern dass wir uns plötzlich im Mittelpunkt der ganzen menschlichen Wesenheit wiederfanden.
Wir erlebten bei uns und unseren Schülern Umsturz auf allen Gebieten; zuerst gesundheitlich, körperlich. Aber auch geistige und seelische Umwälzungen traten ein.
Wir merkten bald, dass es keine harmlose Aufgabe war, die Atmung der Menschen in Ordnung zu bringen, sondern dass wir damit immer an den innersten Wesenskern rührten."  (5)

Um die "Rotenburger Atemschule" entwickelte sich ein reger interdisziplinärer Austausch. So wurde dort 1926 eine einwöchige Veranstaltung durchgeführt, die weithin Beachtung fand: die so genannte "Rotenburger Woche" mit Vorträgen von Ärzten, Gelehrten verschiedener Disziplinen und Künstlern, sowie praktischen Übungsteilen. (1928 wurde in Leipzig eine Dokumentation darüber in Buchform herausgegeben.)



Der Standort der Schule wechselte mehrmals im Laufe der Jahrzehnte. 
Die Arbeitsweise wurde weiter entwickelt, verfeinert, die Lehrtätigkeit schließlich an Schülerinnen von Schlaffhorst und Andersen übertragen.

Heute befindet sich die Ausbildungsstätte
"Schule Schlaffhorst-Andersen für Atmung und Stimme" als staatlich anerkannte Berufsfachschule in Bad Nenndorf, Niedersachsen.

(Bei Interesse können Sie Informationen über die Inhalte der Ausbildung heute und Weiteres der homepage der Schule entnehmen, die unter den Quellenangaben (1) angeführt ist.)

Auf youtube finden Sie einen Imagefilm der Schule Schlaffhorst-Andersen für Atmung und Stimme, der einen ersten Eindruck von der Ausbildung bietet. Unter: "Beruf mit Zukunft" Imagefilm 2015.

Die Absolventen der Schule sind in pädagogischen, musisch-künstlerischen und therapeutischen Arbeitsfeldern tätig. So z.B. in der Heil- und Sonderpädagogik, in der Lehrer- und Erzieher-Aus- und Fortbildung, an Musikhochschulen, Konservatorien, Schauspielschulen, Theatern, sowie in Kliniken und therapeutischen Praxen.



Quellenangaben:

  1. "Die Arbeitsweise Schlaffhorst-Andersen  -  Kurzeinführung", Faltblatt der Schule Schlaffhorst-Andersen für Atmung und Stimme, Bad Nenndorf. www.stimmprofis.de             
  2. Der zwischen den Zeichen (1<) und (>1) wiedergegebene Textabschnitt basiert größtenteils auf Material aus der "Kurzeinführung" mit kleinen Veränderungen.
  3. Margarete Saatweber: "Einführung in die Arbeitsweise Schlaffhorst-Andersen", Verlag Schulz-Kirchner, 1990
  4. Gertrude Schümann: "Atem, ein königlicher Weg der Heilkunde", Vortrag, 1975. Eine leicht gekürzte Fassung des ganzen Vortrags ist nachzulesen auf der Internetseite  des "Freundeskreis der Schule Schlaffhorst-Andersen e.V.":  www.schlaffhorst-andersen.net
  5. Stefan Dietrich: "Atemrhythmus und Psychotherapie", Dissertation, 1995
  6. Clara Schlaffhorst, Hedwig Andersen: "Atmung und Stimme", Möseler Verlag, 1928